Bild der Panalotosflöte
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© Tages-Anzeiger Mo. 23. Okt. 2006 Seite 19


Blinder erfindet eine ganz spezielle Flöte


Aus seinem weissen Stock hat ein Blinder die Panalotosflöte gebaut. "Was ich singen kann, kann ich auch spielen", sagt Martin Meyer.

Von Ruedi Baumann

Zürich. - "Ich bin ein Tüftler", erzählt Martin Meyer, 60 jährig, von Beruf Klavierstimmer und blind geboren. Und so versuchte er eben, in seinen Blindenstock zu blasen, nachdem er einmal den Deckel am Handgriff verloren hatte. Sein Stock, der sich wie ein Wanderstock teleskopartig zusammenschieben lässt, entpuppte sich als interessantes Musikinstrument. Durch Ausziehen und Zusammenstossen des Stocks lassen sich die Töne nach Belieben verändern. Meyer hatte ein Instrument erfunden, das er Panalotosflöte nennt - eine Mischung aus Panflöte und Lotosflöte.

Zusammen mit der Behindertenwerkstätte Rorschach perfektionierte der Stadtzürcher seine Flöte. Als Basis dient weiter ein Alu-Teleskopstock mit Holzgriff, der aber wesentlich kürzer ist als ein Wanderstock. Zudem wurde das Instrument mit pneumatischen Dichtungsringen versehen. Bisher musste der Stock zuerst etwas angefeuchtet werden, damit die Luft nicht an der Gleitstelle entwich.

Martin Meyer verfügt über das absolute Musikgehör. Entdeckt hat er dies während seiner Schulzeit im Blindengymnasium in Marburg (D). "Diese Begabung ist ein Zufall und hat natürlich nichts mit meiner Blindheit zu tun", sagt er. Später liess sich Meyer im Musikhaus Jecklin zum Klavierstimmer ausbilden. Als selbstständiger Klavierstimmer reist er nun schon seit Jahren in der ganzen Schweiz herum - ohne Fahrspesen zu verrechnen. "Richtig hinzuhören, das musste ich kaum noch üben, hingegen mussten meine Hände lernen, das Gehörte in gezielte feinmotorische Bewegungsabläufe umzusetzen."

Meyer ist auch ein guter Sänger, er spielt Alphorn und das australische Didgeridoo. Und als Tüftler kann er allen möglichen Gegenständen Töne entlocken. Er spielt auf irgendeinem Geldschein Melodien, zum Beispiel die Nationalhymne auf einer Zehnernote. Sein Engagement gilt im Moment allerdings vor allem der Panalotosflöte. Er hat schon 300 Exemplare verkauft, zu 99 Franken das Stück (Informationen und Bezugsquelle unter www.martin-meyer.ch).

Der Blindenstock als Polizeisirene

Die Panalotos- oder Stockflöte wird wie eine Panflöte angeblasen und tönt auch recht ähnlich. Im Gegensatz zur Lotosflöte, die meist als billige Plastikversion an Kinder verkauft wird, hat Meyers Stockflöte einen Tonumfang von fast vier Oktaven. Wer sie beherrschen will, muss eine gute Koordination zwischen Handmotorik und Gehör haben. Vor allem aber lässt sich ein Ton nicht einfach wie beim Klavier oder bei der Blockflöte durch eine bestimmte Taste oder einen Fingersatz spielen. "Die Musik muss innerlich gehört werden wie beim Singen", sagt Martin Meyer. Er traut sich zu, dass er im Prinzip auf seiner Flöte alles spielen kann, was er auch singen kann. "Mit Ausnahme von ganz schnellen Läufen vielleicht." Deshalb sei die Stockflöte auch musikpädagogisch besonders wertvoll.

Für Meyer ist die Panalotosflöte ein absolut vollwertiges Instrument. Er gibt damit Konzerte und tritt unter anderem gerne in Kirchen auf - auch mit Klavier- und Orgelbegleitung. Und für Unterrichtsstunden - in Gruppen oder einzeln - ist Meyer ebenfalls zu haben. "Am liebsten spiele ich getragene, schöne und ruhige Melodien", sagt er, spielt aber auch Jazz, Blues und klassische Melodien.

Mit seinem weissen Stock wird der 60-Jährige plötzlich wieder zum Kind. Er imitiert täuschend echt eine Polizeisirene, macht eine Amsel nach, zaubert ausgelassene Glissandi hervor, jauchzt, lässt Korken knallen oder wird zum Perkussionisten und versetzt die Zuhörer in eine Felsgrotte, in die geheimnisvoll echoende Wassertropfen fallen.

Wer übrigens das absolute Musikgehör nicht hat, kann sich auf der Panalotosflöte genauso gut amüsieren. Voll ausgezogen, ertönt ein tiefes A. Die nächsten Töne einer einfachen Melodie finden sich recht schnell. Und dann macht Übung den Meister - und natürlich Spielfreude.


BILD BEAT MARTI: Tönt wie eine Panflöte: Der blinde Klavierstimmer Martin Meyer mit seiner Stockflöte.